Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Deutlicher Anstieg von Altersarmut in Deutschland

Ein Plus von 215.000 Betroffenen innerhalb eines Jahres

Das Foto zeigt eine alte Dame
Foto: Pexels

Die Zahl der Rentner und Pensionäre, die in Deutschland als armutsgefährdet gelten, ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Laut neuesten, bisher unveröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl im Jahr 2017 um 215.000 auf 3,2 Millionen Menschen an. Darüber berichtet das ARD-Magazin Monitor (heute, 21:45 Uhr im Ersten), dem die Zahlen vorliegen. Aktuellere Zahlen aus den Jahren 2018 und 2019 liegen bisher noch nicht vor.

Während 2010 noch 14 Prozent der Rentner und Pensionäre durch Armut gefährdet waren, stieg ihr Anteil im Jahr 2017 auf 18,7 Prozent. Damit ist in keiner der von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen der Zuwachs so groß wie bei Rentnern und Pensionären. Seit 2010 beträgt er über 33 Prozent. Das entspricht einer Zunahme von 803.000 Menschen.

Als armutsgefährdet gilt laut Statistischem Bundesamt, wer als Alleinstehender über ein Einkommen von maximal 13.628 Euro im Jahr verfügt.

Diese Entwicklung wird sich nach Ansicht von Wirtschaftsexperten in den nächsten Jahren verschärfen. „Altersarmut wird in den nächsten 10 bis 15 Jahren noch mal sehr, sehr deutlich zunehmen, weil wir immer mehr Menschen haben, die zu geringen Löhnen arbeiten oder in Teilzeit oder unterbrochene Erwerbsbiografien haben“, sagt der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher gegenüber MONITOR. Um der Altersarmut zu entgehen, sei bei einer Vollzeitbeschäftigung zumindest ein Stundenlohn von zwölf Euro erforderlich, errechnet das Institut. Seit 1. Januar 2020 liegt der Mindestlohn in Deutschland bei 9,35 Euro.

Stand: 09.01.2020, 11.15 Uhr

Bus auf Bestellung

Auf dem Land kommt man ohne das eigene Auto meist kaum vom Fleck.

Denn entweder gibt es gar keinen Nahverkehr, oder Linienbusse fahren nur selten. Ein Team um den Physiker Stephan Herminghaus, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, hat deshalb mit dem EcoBus ein System entwickelt, bei dem Kunden einen Bus direkt vor ihre Tür bestellen können. Das Besondere: Anders als viele Rufsysteme soll der EcoBus dem Nahverkehr keine Kunden abgraben, sondern das bestehende Liniennetz ergänzen.

 „Sie sind die Haltestelle!“ Im Sinne dieses Slogans holt der EcoBus Fahrgäste dort ab, wo sie es möchten – auch irgendwo an der Landstraße.
© MPIDS
„Sie sind die Haltestelle!“ Im Sinne dieses Slogans holt der EcoBus Fahrgäste dort ab, wo sie es möchten – auch irgendwo an der Landstraße.
© MPIDS

Text: Tim Schröder

„Mensch, das ist der Jackpot heute, nur drei Minuten Wartezeit“, sagt der junge Mann, der am Ortseingang von Clausthal zusteigt. Sein Auto ist gerade in der Werkstatt, deshalb fährt er seit einigen Tagen morgens mit dem EcoBus zu seinem Kiosk unten in der Stadt. „Ich sehe den Bus hier immer vorbeifahren“, sagt er während der Fahrt, „und dachte mir, dass ich den einfach mal ausprobiere.“ Das sei ja schon super, meint er, für 2,70 Euro bringe ihn der Bus direkt vor die Tür.

Der kleine Bus kurvt die steile Straße hinab nach Clausthal hinein. Der junge Mann erzählt weiter: „Zu Hause in der Türkei gibt es so kleine Busse überall. Ist schon lustig, dass man hier erst jetzt auf die Idee kommt.“ Die Busse, die in der Türkei Dolmus¸ heißen, halten zwar auf Handzeichen überall, aber anders als der EcoBus nur an fixen Routen und nicht auf Vorbestellung. Der Kioskbesitzer bleibt jedenfalls nur wenige Minuten an Bord, bis der Bus unten in der Stadt vor seinem Lädchen hält. Beim Aussteigen winkt er kurz Torsten Keck zu, dem Busfahrer. „Schönen Tag noch.“

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Altersgerechtes Wohnen

85 % aller Seniorenhaushalte hatten 2018 keinen stufenlosen Zugang zur Wohnung

Zeigt das Schaubild für die Zahl der Woche. 85 Prozent aller Seniorenhaushalte verfügen über keinen stufenlosen Zugang zur Wohnung.

Mehr als jede fünfte Person in Deutschland gehört zur Generation 65 plus. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung gewinnt auch das barrierearme und somit altersgerechte Wohnen an Bedeutung. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, hatten 85 % aller Seniorenhaushalte (Haushalte mit Personen im Alter ab 65 Jahren) im Jahr 2018 keinen stufenlosen Zugang zur Wohnung.

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Studie zur Bürokratie­entlastung im Ehrenamt vorgestellt

Der Normenkontrollrat Baden-Württemberg hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Bericht mit 49 konkreten Vorschlägen zur Entlastung von Vereinen und Ehrenamtlichen von Bürokratie übergeben.

Das Foto zeigt: v.l.n.r.: Dr. h.c. Rudolf Böhmler, Dr. Gisela Meister-Scheufelen, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Staatssekretär Dr. Florian Stegmann und Bernhard Bauer
v.l.n.r.: Dr. h.c. Rudolf Böhmler, Dr. Gisela Meister-Scheufelen, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Staatssekretär Dr. Florian Stegmann und Bernhard Bauer

Der Normenkontrollrat hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Bericht mit 49 konkreten Vorschlägen zur Entlastung von Vereinen und Ehrenamtlichen von Bürokratie übergeben. Die Empfehlungen des externen Beratungsgremiums zum Bürokratieabbau richten sich an das Land, aber auch an den Bund und die Kommunen.

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Glauben Sie, dass wir zu lange leben?

Wie lange junge Erwachsene leben wollen

Unser Leben wird immer länger – leben wir vielleicht „zu lange“? Bisher ist wenig darüber bekannt, wie lange die Menschen leben wollen, und die meisten der wenigen bestehenden Studien haben sich ausschließlich auf Erwachsene mittleren und älteren Alters konzentriert. Von jungen Erwachsenen wird erwartet, dass sie noch länger leben als die heutigen Generationen, und sie sind auch dabei, eine Reihe von Entscheidungen zu treffen und Verhaltensmuster festzulegen, die ihre zukünftige Entwicklung und Gesundheit dramatisch beeinflussen. Daher ist es wichtig zu verstehen, wie lange besonders junge Menschen leben wollen, warum einige junge Menschen länger leben wollen als andere und welche Folgen es haben kann, wenn man kürzer oder länger leben will.

Catherine E. Bowen, Solveig Glestand Christiansen, Anastasia Emelyanova, Elena Golubeva, Marcin Stonawski und Vegard Skirbekk haben eine Umfrage unter über 700 Studierenden in Österreich, Norwegen, Polen und Russland durchgeführt. Sie fragten die Studierenden, wie lange sie leben wollen (bevorzugte Lebenserwartung), wie lange sie leben wollen (subjektive Lebenserwartung) und wie lange sie denken, dass eine durchschnittliche Person gleichen Alters und Geschlechts leben wird (Glaube an die durchschnittliche Lebenserwartung der Kohorte). Insgesamt befragten sie 715 Studierende. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 22 Jahre alt. Eine knappe Mehrheit waren Frauen (58,3%).

Mehr als ein Fünftel will nicht älter als 80 Jahre werden

Die Forscher fanden heraus, dass ein Fünftel der Teilnehmer (21,2%) weniger als 80 Jahre alt werden wollte, während etwas mehr als die Hälfte (53%) ihre 80er oder 90er Jahre erleben wollte, und ein Viertel (25,8%) 100 oder mehr Jahre leben wollte. Im Gegensatz zu dem Stereotyp, dass junge Menschen glauben, dass sie für immer leben werden, haben die Teilnehmer im Großen und Ganzen eher unterschätzt, wie lange sie im Vergleich zu den jüngsten Prognosen wahrscheinlich leben werden. Die überwiegende Mehrheit (über 85%) der Teilnehmer wollte mindestens so lange leben, wie sie es erwarten und mindestens so lange wie ein durchschnittliches Kohortenmitglied. Die Unterschiede zwischen der tatsächlichen Lebenserwartung und der Lebenserwartung der Teilnehmer waren erheblich: Im Durchschnitt wollten die Teilnehmer etwa acht Jahre länger leben, als sie persönlich erwarten, und etwa 13 Jahre länger, als sie glauben, dass ein durchschnittliches Kohortenmitglied leben wird. Basierend auf diesen Ergebnissen kamen die Autoren zu dem Schluss, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass junge Menschen glauben, dass sie „zu lange“ leben werden.

Junge Männer wollen länger leben als junge Frauen

Die Ergebnisse zeigten auch eine Reihe interessanter Länder- und Geschlechter-unterschiede. Wie in Abbildung 1 dargestellt, war die Kluft zwischen der Lebenserwartung und der Lebenserwartung der Teilnehmer besonders groß (ca. 10 Jahre) für Teilnehmer in Russland und Polen, d.h. den Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung in der Stichprobe. Obwohl Frauen meist länger leben als Männer, wollten männliche Teilnehmer mehrere Jahre länger leben als weibliche Teilnehmer (M = 91,34 Jahre bzw. 87,01 Jahre). Das Ausmaß des Geschlechtergefälles bei der bevorzugten Lebenserwartung war in den einzelnen Ländern ähnlich, obwohl das tatsächliche Geschlechtergefälle bei der Lebenserwartung in Österreich, Norwegen, Polen und Russland sehr unterschiedlich ist (z.B. ein Geschlechterunterschied in der Lebenserwartung von 4,1 Jahren in Norwegen gegenüber 11,4 Jahren in Russland).

Die Grafik zeigt die Verteilung der Antworten auf die Länder

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch mögliche Vorläufer und Folgen der bevorzugten Lebenserwartung junger Erwachsener auf. Besonders bemerkenswert ist, dass die Denkweise der Menschen über das Alter ein wichtiger Indikator dafür zu sein scheint, wie lange sie leben wollen, auch im jungen Erwachsenenalter. Interessanterweise waren Teilnehmer, die es vor ihrem 80. Geburtstag vorzogen zu sterben, eher bereit, täglich Tabak zu konsumieren und völlig körperlich inaktiv zu sein, als ihre Altersgenossen, die bis zu ihrem 80. oder 90. Lebensjahr leben wollten.

https://population-europe.eu/pop-digest/do-you-think-we-live-too-long

Konzept gegen die Einsamkeit im Alter

Was Städte tun können, um Einsamkeit ihrer alternden
Bevölkerung vorzubeugen

Psychologen sprechen von einer neuen Volkskrankheit, Großbritannien gründet ein
Ministerium zu ihrer Bekämpfung: Einsamkeit ist ein Phänomen unserer Zeit. Auch in Deutschland betrifft sie Menschen allen Alters, ab dem 75. Lebensjahr nimmt die Einsamkeit statistisch gesehen zu. Da es in Deutschland künftig immer mehr Ältere
geben wird, dürfte Einsamkeit an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Zu diesem Schluss kommt das Diskussionspapier »(Gem)einsame Stadt? Kommunen gegen soziale Isolation im Alter« des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der
Körber-Stiftung.

Titelbild der Studie "Gemeinsame Stadt?"

Neben der demografischen Entwicklung können auch gesellschaftliche Trends zu einer Zunahme von Einsamkeit und sozialer Isolation führen: Die Altersarmut wird insgesamt steigen, immer mehr Menschen werden ohne Partner und Kinder alt und der Infrastruktur-Abbau im ländlichen Raum dürfte zunehmen und damit Begegnungsmöglichkeiten reduzieren.

Kommunen als Schlüsselakteure

Die Autoren des Diskussionspapiers verweisen aber auch auf Entwicklungen, die diese Trends entgegenwirken und sich positiv auf die soziale Einbindung der älteren Generationen auswirken: »Die zukünftigen Senioren werden durchschnittlich so mobil,
gesund, gebildet, engagiert und digital aktiv alt wie keine Vorgängergeneration vor ihnen«, erklärt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts.

Begegnungsorte, geeignete Wohnformen und Teilhabemöglichkeiten schützen Ältere darüber hinaus vor Einsamkeit und sozialer Isolation. Karin Haist, Leiterin der Projekte
demografische Zukunftschancen der Körber-Stiftung, betont: »Da Kommunen solche Angebote für Begegnung und Teilhabe vor Ort bieten können, sind sie die Schlüssel-akteure bei der Bekämpfung von Einsamkeit ihrer älteren Bewohner und Bewohnerinnen.«

Kommunen können somit die Lebensqualität des Einzelnen
erhöhen und zugleich Kosten für die Gemeinschaft senken, denn
Einsamkeit beschleunigt nachweislich Erkrankungen und frühere
Pflegebedürftigkeit.

Handlungsempfehlungen gegen Einsamkeit

Die Körber-Stiftung und das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung haben Handlungsempfehlungen entwickelt. Diese sollen Kommunen darin unterstützen, der Einsamkeit ihrer alternden Bevölkerung vor Ort entgegenzuwirken.
Strategie entwickeln: Einsamkeit enttabuisieren und Verwaltung und lokale Organisationen sensibilisieren.

  • Strategie entwickeln: Einsamkeit enttabuisieren und Verwaltung und lokale Organisationen sensibilisieren.
  • Wohnen »mit Anschluss« fördern: Wohnformen erarbeiten, die einen Verbleib im gewohnten Umfeld ermöglichen.
  • Soziale Partizipation ermöglichen: Gute Rahmenbedingungen für Engagement schaffen und Selbstorganisation fördern. Auf bereits Isolierte mit individuellen Angeboten zugehen.
  • Öffentliche Orte gestalten und schaffen: Öffentliche Orte für Begegnung gestalten und Mobilitätsangebote schaffen.
  • Aktiv informieren, sensibel kommunizieren: Infomaterial bereitstellen und Angebote nicht explizit als Einsamkeitsprävention vermitteln.

Über die Körber-Stiftung
Die Körber-Stiftung stellt sich mit ihren operativen Projekten, in ihren
Netzwerken und mit Kooperationspartnern aktuellen Herausforderungen
in den Handlungsfeldern Innovation, Internationale Verständigung und
Lebendige Bürgergesellschaft. 1959 von dem Unternehmer Kurt A. Körber
ins Leben gerufen, ist die Stiftung heute von ihren Standorten Hamburg
und Berlin aus national und international aktiv.


Über das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger
Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer
Veränderungen beschäftigt. Das Institut wurde 2000 als gemeinnützige
Stiftung gegründet und hat die Aufgabe, das Bewusstsein für den
demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern,
neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung
demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten.

Überleben in Auschwitz

Im Gespräch mit Zdzisława Włodarczyk, Zeitzeugin des Nationalsozialismus

Foto: Zdzisława Włodarczyk, Zeitzeugin und Überlebende von Auschwitz-Birkenau
Zdzisława Włodarczyk. Foto: privat

Die heute 86-jährige Zdzisława Włodarczyk war sechs Jahre alt, als die Wehrmacht Polen überfiel. Im Alter von elf Jahren kam sie ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Der Zweite Weltkrieg hat sie einer glücklichen Kindheit beraubt und Erinnerungen hinterlassen, die sie bis heute quälen. Das Colloquium politicum veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Maximilian-Kolbe-Werk und der Landeszentrale für politische Bildung Freiburg im Wintersemester 2019/20 erneut einen Abend in der Reihe „Zeitzeugen der NS-Zeit im Gespräch“. Unter dem Titel „Überleben in Auschwitz – Die Bilder des Krieges lassen mich nicht los“ spricht Włodarczyk über ihre Erinnerungen, über tieffliegende Flugzeuge und Bomben, die auf Zivilistinnen und Zivilisten fielen. „Die Kriegserinnerungen tun mir weh, aber ich muss darüber berichten, damit sich das nicht wiederholt“, erklärt die Referentin, die sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert und anderen ehemaligen KZ-Häftlingen in ihrer Region hilft.

Was: Zeitzeugengespräch

Wann: 05. November 2019, 20:15 Uhr

Wo:
Kollegiengebäude I
Hörsaal 1010
 Platz der Universität 3
79098 Freiburg

Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten. Veranstalter: Colloquium Politicum, Maximilian-Kolbe-Werk, Landeszentrale für politische Bildung

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist kostenlos. Die Veranstaltungssprache ist Deutsch.

Weitere Informationen

Auftakt für neue Allianz

Universität Freiburg gründet am 28.10.2019 Kompetenzverbund zur weiteren Erforschung des bedingungslosen Grundeinkommens

Foto von Sandra Meyndt, Uni Freiubrg. Geldscheine zum bedingungslosen Grundeinkommen
Foto: Sandra Meyndt

Ein festes und verlässliches Entgelt für alle Bürgerinnen und Bürger, das an keine Voraussetzungen oder Gegenleistungen geknüpft ist: Prof. Dr. Bernhard Neumärker, Götz Werner Professur für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie der Universität Freiburg, befasst sich schon seit einigen Jahren mit dem Reformkonzept zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Nachdem die dm-Werner Stiftung seit Frühjahr 2019 die Forschung dazu bereits mit der Namensprofessur fördert, wird am 28. Oktober 2019 zusätzlich das Freiburg Institute for Basic Income Studies (FRIBIS) gegründet. Ziel dieses internationalen und interdisziplinären Verbunds ist es, das bedingungslose Grundeinkommen in all seinen Facetten zu untersuchen und der Frage nachzugehen, wie aus dem Konzept Realität werden kann. Es sprechen der Rektor Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer, das Stifterehepaar Beatrice und Prof. Götz W. Werner, Prof. Dr. Bernhard Neumärker und Helena Steinhaus, Leiterin des Projektes „Sanktionsfrei“.

  • Was: Gründungsveranstaltung
  • Wann: 28.10.2019, 18:30 bis 20:30 Uh
  • Wo:
    Kollegiengebäude 1
    Hörsaal 1010
    Platz der Universität 3
    79098 Freiburg
  • Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten
  • Veranstalter: Universität Freiburg, Abteilung für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheori
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich
  • Der Eintritt ist kostenlos
  • Die Vortragssprache ist Deutsch
  • Weitere Informationen

Ist die Welt noch zu retten?

Podiumsdiskussion mit Ernst Ulrich von Weizsäcker und Thore D. Hansen am 21.10.2019 zum Thema Klimawandel

There is no planet B
Foto von Markus Spiske temporausch.com von Pexels
Foto von Markus Spiske temporausch.com Pexels

Temperaturrekorde, Wasserknappheit, Artensterben: Die Folgen des Klimawandels sind weltweit spürbar und beschäftigen Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Der Umweltwissenschaftler und Politiker Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker engagiert sich seit vielen Jahren für den Umweltschutz. In seinem Roman „Die Reinsten“ zeigt der Schriftsteller Thore D. Hansen die Möglichkeiten und Gefahren künstlicher Intelligenz für den Klimawandel auf und beschreibt eine Zivilisation zwischen Aufbruch und Zusammenbruch. Zur Eröffnung des Colloquium politicum im Wintersemester 2019/2020 sprechen die beiden Experten bei der Podiumsdiskussion „Der Klimawandel – Ist die Welt noch zu retten? Die Rolle von Wissenschaft und Literatur“. Der Politikwissenschaftler Dr. Arndt Michael moderiert die Veranstaltung.

  • Was: Podiumsdiskussion
  • Wann: 21.10.2019, 20:15 Uh
  • Wo:
    Kollegiengebäude I
    Hörsaal 1199
    Platz der Universität 3
    79098 Freiburg
  • Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten
  • Veranstalter: Colloquium politicum, Buchhandlung Rombach
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
  • Der Eintritt ist kostenlos
  • Die Vortragssprache ist Deutsch
  • Programm des Colloquium politicum

So entwickeln sich Arm und Reich

Ungleichheit bei den Einkommen auf neuem Höchststand – Arme Haushalte zunehmend tiefer unter der Armutsgrenze

Infografik: So entwickeln sich Arm und Reich | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Die Schere bei den verfügbaren Einkommen hat sich in Deutschland weiter geöffnet, die Einkommensungleichheit befindet sich trotz der über Jahre guten wirtschaftlichen Entwicklung auf einem historischen Höchststand. Das zeigen übereinstimmend Berechnungen mit unterschiedlichen statistischen Maßen zur Einkommensverteilung. So lag der Gini-Koeffizient, das gebräuchlichste Maß für Ungleichheit, Ende 2016 sogar noch um zwei Prozent höher als 2005 – dem Jahr, das unter Forschern nach einem drastischen Anstieg der Einkommensspreizung seit Ende der 1990er Jahre als besonders „ungleich“ gilt. Zwei Faktoren haben die materielle Ungleichheit in den vergangenen Jahren vor allem wachsen lassen: Hohe Einkommensgruppen haben von sprudelnden Kapital- und Unternehmenseinkommen profitiert und dadurch die große Mehrheit der Haushalte in Deutschland beim verfügbaren Einkommen deutlich hinter sich gelassen. Gleichzeitig sind die 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen zurückgefallen – auch gegenüber der Mitte, deren Einkommen wiederum durch die gute Arbeitsmarktlage und spürbare Lohnsteigerungen real solide zunahm. Dementsprechend liegt die Armutsquote ebenfalls auf hohem Niveau. Und die Armutslücke, sie beschreibt das Jahreseinkommen, das armen Haushalten rechnerisch fehlt, um die Armutsgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens zu überschreiten, ist zwischen 2011 und 2016 preisbereinigt um 29 Prozent gewachsen: Um 779 Euro auf mehr als 3400 Euro. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.* Basis der Studie sind die aktuellsten vorliegenden Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), der größten repräsentativen Panel-Befragung in Deutschland, für die jährlich über 25.000 Menschen in Deutschland interviewt werden.

„Die aktuellen Daten zeigen, dass all jene Politiker und Ökonomen falsch liegen, die Entwarnung geben wollten, weil sich der rasante Anstieg der Einkommensspreizung nach 2005 zunächst nicht fortgesetzt hat“, sagt WSI-Expertin Dr. Dorothee Spannagel. „Richtig ist: Die Ungleichheit wächst aktuell deutlich langsamer, und die Entwicklung unterminiert nicht mehr so stark die Position der Haushalte mit mittleren Einkommen wie vor anderthalb Jahrzehnten: Wer eine feste, reguläre Arbeitsstelle hat, der hat zuletzt auch nach Abzug der Inflation spürbar mehr Einkommen zur Verfügung, insbesondere, wenn sie oder er nach Tarif bezahlt wird.“ Trotz dieses positiven Trends, so die Forscherin „geht die Polarisierung in Deutschland weiter. Denn die Ränder der Einkommensverteilung streben auseinander: Der Niedriglohnsektor ist weiterhin sehr groß und ärmere Haushalte fallen zurück, während sich reiche weiter absetzen. Und dabei sind Deutschlands Superreiche, also Multimillionäre und Milliardäre, die vom langjährigen Boom bei Aktien und Immobilien besonders stark profitiert haben dürften, im SOEP nur schwach erfasst. Alles in allem haben wir den riskanten Weg zu größerer Ungleichheit immer noch nicht verlassen: Ausufernde soziale Spaltungen verstärken den Verteilungskampf, reduzieren soziale und politische Teilhabe und gefährden das Funktionieren der sozialen Marktwirtschaft.“

Schere bei den Einkommen geht wieder auf

Der verbreitetste Indikator zur Einkommensverteilung ist der Gini-Koeffizient. Je nach Grad der Ungleichheit nimmt er Werte zwischen Null (alle Haushalte haben das gleiche Einkommen) und eins (ein einziger Haushalt bezieht das komplette Einkommen im Land; Visualisierung auch in unserem Video; Link unten) an. Ende 2016 lag der Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushalteinkommen, bereits bereinigt um Effekte unterschiedlicher Haushaltsgrößen, in Deutschland bei 0,295. Damit zeigte er im aktuellsten Jahr, für das SOEP-Daten vorliegen, einen um rund 19 Prozent höheren Ungleichheits-Wert an als noch Ende der 1990er Jahre. Damals lag der Gini knapp unter 0,25. Sehr schnell angestiegen ist die Ungleichheit in Deutschland Ende der 1990er und in der ersten Hälfte der 2000er Jahre – auf 0,289 im Jahr 2005. Laut der Industrieländerorganisation OECD nahm sie damals stärker zu als in den meisten anderen ihrer 30 Mitgliedsländer. War die Bundesrepublik zuvor ein Land mit relativ ausgeglichener Einkommensverteilung, rutschte sie ins Mittelfeld von EU und OECD ab.

Unter Fachleuten umstritten ist, was nach 2005 passierte. Einige Ökonomen kommen auch in jüngeren Studien zu dem Fazit, die Ungleichheit sei seitdem stabil geblieben oder sogar wieder leicht gesunken.

Der WSI-Verteilungsbericht macht aber auf Basis der neuesten SOEP-Zahlen deutlich, dass es sich dabei lediglich um eine Momentaufnahme gehandelt hat. Denn nach einem leichten Rückgang auf 0,279 im Jahr 2009, der wesentlich darauf beruhte, dass in der Finanz- und Wirtschaftskrise die zuvor florierenden Kapitaleinkommen kurzfristig einbrachen, geht der Gini-Wert seit 2011 wieder nach oben. Die so gemessene Ungleichheit wuchs zwar langsamer als zuvor, aber fast stetig auf den neuen Höchststand. Dabei entwickeln sich die Einkommen in Ostdeutschland deutlich schneller auseinander als im Westen. Noch ist die Spreizung in den neuen Ländern spürbar geringer als in den alten, doch der Abstand zwischen Ost und West wird kleiner (siehe auch die erste Grafik in der pdf-Version dieser PM; Link unten).

Armut nimmt zu

Dass sich die Schere bei den Einkommen öffnet, belegt auch der Blick auf zwei weitere Verteilungsmaße. Der Palma-Index vergleicht den Anteil des wohlhabendsten Zehntels der Haushalte an den gesamten Einkommen mit dem Part der unteren 40 Prozent. Dadurch reagiert er statistisch besonders sensibel auf Veränderungen am oberen Ende der Einkommensverteilung. Dagegen ist der Theil-Index ein feiner Indikator für Entwicklungen in den „unteren“ Gruppen, die ein niedriges Einkommen haben. An beiden Indizes lässt sich seit 2005 ein ganz ähnlicher Trend ablesen wie beim Gini-Koeffizienten: Nach einem Rückgang am Ende des vergangenen Jahrzehnts sind sie wieder deutlich angestiegen (Grafik 2 in der pdf-Version).

Die Veränderungen „fallen jedoch ausgeprägter aus – ein Hinweis darauf, dass es die Ränder sind, an denen die entscheidenden Entwicklungen stattfinden“, schreibt WSI-Expertin Spannagel.

Das gilt nach vertiefter Analyse der Verteilungsforscherin insbesondere im unteren Bereich der Einkommensverteilung. So ist der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb nach gängiger wissenschaftlicher Definition als arm gelten, in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs spürbar gewachsen – von 14,2 Prozent 2010 auf 16,7 Prozent 2016 (Grafik 3 in der pdf-Version).

Gleichzeitig wurde auch die so genannte „Armutslücke“ beträchtlich größer. Sie zeigt an, welches jährliche Einkommen einem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um es über die 60-Prozent-Hürde zu schaffen: Lag der Fehlbetrag inflationsbereinigt 2005 bei 2873 und 2011 bei 2673 Euro, stieg der Rückstand bis 2016 wieder stark an auf 3452 Euro. Der Abstand zur Armutsgrenze wuchs also um rund 29 Prozent (siehe auch die Tabelle).

Dass die Lücke so viel größer wurde, hat nach Spannagels Analyse auch damit zu tun, dass im aktuellen Aufschwung – anders als in den 2000er-Jahren – nicht nur die oberen, sondern auch die mittleren Einkommen stärker zugelegt haben. Ein positiver Trend, von dem im unteren Bereich der Einkommensverteilung aber wenig bis nichts ankam: Das unterste Dezil hat zwischen 2010 und 2016 nach Abzug der Inflation sogar Einkommen verloren. Im 2., 3. und 4. Dezil waren die Zuwächse unterdurchschnittlich.

Wachstum allein reicht nicht, um Ungleichheit zu reduzieren

Die Entwicklung der vergangenen Jahre mache deutlich, dass eine positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht ausreiche, um Ungleichheit und Armut zu reduzieren, resümiert Verteilungsexpertin Spannagel. Zumal, wenn politische Weichenstellungen nachwirkten, welche einen Anstieg der Einkommensungleichheit begünstigt haben. Dazu zählt die Wissenschaftlerin auch die Steuerpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte: Während reiche Haushalte von der Senkung des Spitzensteuersatzes, der pauschalen Abgeltungssteuer oder der Reform der Erbschaftsteuer mit ihren zahlreichen Ausnahmen für Betriebsvermögen profitierten, wurden ärmere Haushalte durch höhere indirekte Steuern zusätzlich belastet.

„Wachsende Ungleichheit ist kein Schicksal“, schreibt die Wissenschaftlerin deshalb. Die Politik habe wirksame Möglichkeiten, gegenzusteuern. Zu den wichtigsten Ansätzen zählt Spannagel:

  • Eine Reduzierung der Lohnungleichheit durch eine Stärkung der Tarifbindung. Ein wichtiger Beitrag, um auch im Niedriglohnsektor bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, sei es, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zu vereinfachen.
  • Parallel empfiehlt die Forscherin eine Erhöhung des Mindestlohns. Zudem müsse besser verhindert werden, dass Arbeitgeber den Mindestlohn umgehen.
  • Stärkere Besteuerung von Spitzeneinkommen. Um den weiteren Anstieg der Ungleichheit zu bremsen, sei es auch wichtig, „die wachsende Konzentration der Einkommen am oberen Ende zu dämpfen“, schreibt Spannagel. Dazu sollten sehr hohe Erbschaften stärker besteuert und Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer konsequent abgebaut werden. Zudem sollte der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer angehoben werden. Kapitalerträge müssten wieder in die Einkommenssteuer eingegliedert werden und somit progressiv besteuert werden. Auch die Wiederaufnahme der Vermögensteuer sei relevant, argumentiert die Forscherin.
  • Eine deutliche Anhebung der Regelsätze im Arbeitslosengeld II („Hartz IV“). Diese lägen häufig weit unter der Armutsgrenze.
  • Als wichtige Hilfe zur Selbsthilfe hätten sich unbürokratische soziale Beratungs- und Hilfsangebote erwiesen, die ausgebaut werden müssten, um den realen Bedarf abdecken zu können. Dazu zählt die Expertin psychosoziale Beratung, etwa bei Schulden oder Sucht, ausreichend Deutschkurse für Migranten, aber auch passgenaue Umschulungen oder Weiterbildungen für Langzeitarbeitslose.

Terminhinweis: Gerechter ist besser!? ist der Titel der hochkarätig besetzten Verteilungskonferenz, die die Hans-Böckler-Stiftung am 17. Oktober in Kooperation mit dem DGB veranstaltet. Dort diskutieren u.a. Unions-Fraktionsvize Hermann Gröhe, der Grünen-Vorsitzende Dr. Robert Habeck, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, Katja Kipping, Parteivorsitzende Die Linke, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, Stefan Körzell, Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB, sowie die Ökonomen Prof. Dr. Peter Bofinger (Universität Würzburg) und Prof. Dr. Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft).