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Die Schere bei den verfügbaren Einkommen hat sich in Deutschland weiter geöffnet, die Einkommensungleichheit befindet sich trotz der über Jahre guten wirtschaftlichen Entwicklung auf einem historischen Höchststand.

Ungleichheit bei den Einkommen auf neuem Höchststand – Arme Haushalte zunehmend tiefer unter der Armutsgrenze

Infografik: So entwickeln sich Arm und Reich | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Die Schere bei den verfügbaren Einkommen hat sich in Deutschland weiter geöffnet, die Einkommensungleichheit befindet sich trotz der über Jahre guten wirtschaftlichen Entwicklung auf einem historischen Höchststand. Das zeigen übereinstimmend Berechnungen mit unterschiedlichen statistischen Maßen zur Einkommensverteilung. So lag der Gini-Koeffizient, das gebräuchlichste Maß für Ungleichheit, Ende 2016 sogar noch um zwei Prozent höher als 2005 – dem Jahr, das unter Forschern nach einem drastischen Anstieg der Einkommensspreizung seit Ende der 1990er Jahre als besonders „ungleich“ gilt. Zwei Faktoren haben die materielle Ungleichheit in den vergangenen Jahren vor allem wachsen lassen: Hohe Einkommensgruppen haben von sprudelnden Kapital- und Unternehmenseinkommen profitiert und dadurch die große Mehrheit der Haushalte in Deutschland beim verfügbaren Einkommen deutlich hinter sich gelassen. Gleichzeitig sind die 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen zurückgefallen – auch gegenüber der Mitte, deren Einkommen wiederum durch die gute Arbeitsmarktlage und spürbare Lohnsteigerungen real solide zunahm. Dementsprechend liegt die Armutsquote ebenfalls auf hohem Niveau. Und die Armutslücke, sie beschreibt das Jahreseinkommen, das armen Haushalten rechnerisch fehlt, um die Armutsgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens zu überschreiten, ist zwischen 2011 und 2016 preisbereinigt um 29 Prozent gewachsen: Um 779 Euro auf mehr als 3400 Euro. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.* Basis der Studie sind die aktuellsten vorliegenden Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), der größten repräsentativen Panel-Befragung in Deutschland, für die jährlich über 25.000 Menschen in Deutschland interviewt werden.

„Die aktuellen Daten zeigen, dass all jene Politiker und Ökonomen falsch liegen, die Entwarnung geben wollten, weil sich der rasante Anstieg der Einkommensspreizung nach 2005 zunächst nicht fortgesetzt hat“, sagt WSI-Expertin Dr. Dorothee Spannagel. „Richtig ist: Die Ungleichheit wächst aktuell deutlich langsamer, und die Entwicklung unterminiert nicht mehr so stark die Position der Haushalte mit mittleren Einkommen wie vor anderthalb Jahrzehnten: Wer eine feste, reguläre Arbeitsstelle hat, der hat zuletzt auch nach Abzug der Inflation spürbar mehr Einkommen zur Verfügung, insbesondere, wenn sie oder er nach Tarif bezahlt wird.“ Trotz dieses positiven Trends, so die Forscherin „geht die Polarisierung in Deutschland weiter. Denn die Ränder der Einkommensverteilung streben auseinander: Der Niedriglohnsektor ist weiterhin sehr groß und ärmere Haushalte fallen zurück, während sich reiche weiter absetzen. Und dabei sind Deutschlands Superreiche, also Multimillionäre und Milliardäre, die vom langjährigen Boom bei Aktien und Immobilien besonders stark profitiert haben dürften, im SOEP nur schwach erfasst. Alles in allem haben wir den riskanten Weg zu größerer Ungleichheit immer noch nicht verlassen: Ausufernde soziale Spaltungen verstärken den Verteilungskampf, reduzieren soziale und politische Teilhabe und gefährden das Funktionieren der sozialen Marktwirtschaft.“

Schere bei den Einkommen geht wieder auf

Der verbreitetste Indikator zur Einkommensverteilung ist der Gini-Koeffizient. Je nach Grad der Ungleichheit nimmt er Werte zwischen Null (alle Haushalte haben das gleiche Einkommen) und eins (ein einziger Haushalt bezieht das komplette Einkommen im Land; Visualisierung auch in unserem Video; Link unten) an. Ende 2016 lag der Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushalteinkommen, bereits bereinigt um Effekte unterschiedlicher Haushaltsgrößen, in Deutschland bei 0,295. Damit zeigte er im aktuellsten Jahr, für das SOEP-Daten vorliegen, einen um rund 19 Prozent höheren Ungleichheits-Wert an als noch Ende der 1990er Jahre. Damals lag der Gini knapp unter 0,25. Sehr schnell angestiegen ist die Ungleichheit in Deutschland Ende der 1990er und in der ersten Hälfte der 2000er Jahre – auf 0,289 im Jahr 2005. Laut der Industrieländerorganisation OECD nahm sie damals stärker zu als in den meisten anderen ihrer 30 Mitgliedsländer. War die Bundesrepublik zuvor ein Land mit relativ ausgeglichener Einkommensverteilung, rutschte sie ins Mittelfeld von EU und OECD ab.

Unter Fachleuten umstritten ist, was nach 2005 passierte. Einige Ökonomen kommen auch in jüngeren Studien zu dem Fazit, die Ungleichheit sei seitdem stabil geblieben oder sogar wieder leicht gesunken.

Der WSI-Verteilungsbericht macht aber auf Basis der neuesten SOEP-Zahlen deutlich, dass es sich dabei lediglich um eine Momentaufnahme gehandelt hat. Denn nach einem leichten Rückgang auf 0,279 im Jahr 2009, der wesentlich darauf beruhte, dass in der Finanz- und Wirtschaftskrise die zuvor florierenden Kapitaleinkommen kurzfristig einbrachen, geht der Gini-Wert seit 2011 wieder nach oben. Die so gemessene Ungleichheit wuchs zwar langsamer als zuvor, aber fast stetig auf den neuen Höchststand. Dabei entwickeln sich die Einkommen in Ostdeutschland deutlich schneller auseinander als im Westen. Noch ist die Spreizung in den neuen Ländern spürbar geringer als in den alten, doch der Abstand zwischen Ost und West wird kleiner (siehe auch die erste Grafik in der pdf-Version dieser PM; Link unten).

Armut nimmt zu

Dass sich die Schere bei den Einkommen öffnet, belegt auch der Blick auf zwei weitere Verteilungsmaße. Der Palma-Index vergleicht den Anteil des wohlhabendsten Zehntels der Haushalte an den gesamten Einkommen mit dem Part der unteren 40 Prozent. Dadurch reagiert er statistisch besonders sensibel auf Veränderungen am oberen Ende der Einkommensverteilung. Dagegen ist der Theil-Index ein feiner Indikator für Entwicklungen in den „unteren“ Gruppen, die ein niedriges Einkommen haben. An beiden Indizes lässt sich seit 2005 ein ganz ähnlicher Trend ablesen wie beim Gini-Koeffizienten: Nach einem Rückgang am Ende des vergangenen Jahrzehnts sind sie wieder deutlich angestiegen (Grafik 2 in der pdf-Version).

Die Veränderungen „fallen jedoch ausgeprägter aus – ein Hinweis darauf, dass es die Ränder sind, an denen die entscheidenden Entwicklungen stattfinden“, schreibt WSI-Expertin Spannagel.

Das gilt nach vertiefter Analyse der Verteilungsforscherin insbesondere im unteren Bereich der Einkommensverteilung. So ist der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb nach gängiger wissenschaftlicher Definition als arm gelten, in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs spürbar gewachsen – von 14,2 Prozent 2010 auf 16,7 Prozent 2016 (Grafik 3 in der pdf-Version).

Gleichzeitig wurde auch die so genannte „Armutslücke“ beträchtlich größer. Sie zeigt an, welches jährliche Einkommen einem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um es über die 60-Prozent-Hürde zu schaffen: Lag der Fehlbetrag inflationsbereinigt 2005 bei 2873 und 2011 bei 2673 Euro, stieg der Rückstand bis 2016 wieder stark an auf 3452 Euro. Der Abstand zur Armutsgrenze wuchs also um rund 29 Prozent (siehe auch die Tabelle).

Dass die Lücke so viel größer wurde, hat nach Spannagels Analyse auch damit zu tun, dass im aktuellen Aufschwung – anders als in den 2000er-Jahren – nicht nur die oberen, sondern auch die mittleren Einkommen stärker zugelegt haben. Ein positiver Trend, von dem im unteren Bereich der Einkommensverteilung aber wenig bis nichts ankam: Das unterste Dezil hat zwischen 2010 und 2016 nach Abzug der Inflation sogar Einkommen verloren. Im 2., 3. und 4. Dezil waren die Zuwächse unterdurchschnittlich.

Wachstum allein reicht nicht, um Ungleichheit zu reduzieren

Die Entwicklung der vergangenen Jahre mache deutlich, dass eine positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht ausreiche, um Ungleichheit und Armut zu reduzieren, resümiert Verteilungsexpertin Spannagel. Zumal, wenn politische Weichenstellungen nachwirkten, welche einen Anstieg der Einkommensungleichheit begünstigt haben. Dazu zählt die Wissenschaftlerin auch die Steuerpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte: Während reiche Haushalte von der Senkung des Spitzensteuersatzes, der pauschalen Abgeltungssteuer oder der Reform der Erbschaftsteuer mit ihren zahlreichen Ausnahmen für Betriebsvermögen profitierten, wurden ärmere Haushalte durch höhere indirekte Steuern zusätzlich belastet.

„Wachsende Ungleichheit ist kein Schicksal“, schreibt die Wissenschaftlerin deshalb. Die Politik habe wirksame Möglichkeiten, gegenzusteuern. Zu den wichtigsten Ansätzen zählt Spannagel:

  • Eine Reduzierung der Lohnungleichheit durch eine Stärkung der Tarifbindung. Ein wichtiger Beitrag, um auch im Niedriglohnsektor bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, sei es, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zu vereinfachen.
  • Parallel empfiehlt die Forscherin eine Erhöhung des Mindestlohns. Zudem müsse besser verhindert werden, dass Arbeitgeber den Mindestlohn umgehen.
  • Stärkere Besteuerung von Spitzeneinkommen. Um den weiteren Anstieg der Ungleichheit zu bremsen, sei es auch wichtig, „die wachsende Konzentration der Einkommen am oberen Ende zu dämpfen“, schreibt Spannagel. Dazu sollten sehr hohe Erbschaften stärker besteuert und Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer konsequent abgebaut werden. Zudem sollte der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer angehoben werden. Kapitalerträge müssten wieder in die Einkommenssteuer eingegliedert werden und somit progressiv besteuert werden. Auch die Wiederaufnahme der Vermögensteuer sei relevant, argumentiert die Forscherin.
  • Eine deutliche Anhebung der Regelsätze im Arbeitslosengeld II („Hartz IV“). Diese lägen häufig weit unter der Armutsgrenze.
  • Als wichtige Hilfe zur Selbsthilfe hätten sich unbürokratische soziale Beratungs- und Hilfsangebote erwiesen, die ausgebaut werden müssten, um den realen Bedarf abdecken zu können. Dazu zählt die Expertin psychosoziale Beratung, etwa bei Schulden oder Sucht, ausreichend Deutschkurse für Migranten, aber auch passgenaue Umschulungen oder Weiterbildungen für Langzeitarbeitslose.

Terminhinweis: Gerechter ist besser!? ist der Titel der hochkarätig besetzten Verteilungskonferenz, die die Hans-Böckler-Stiftung am 17. Oktober in Kooperation mit dem DGB veranstaltet. Dort diskutieren u.a. Unions-Fraktionsvize Hermann Gröhe, der Grünen-Vorsitzende Dr. Robert Habeck, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, Katja Kipping, Parteivorsitzende Die Linke, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, Stefan Körzell, Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB, sowie die Ökonomen Prof. Dr. Peter Bofinger (Universität Würzburg) und Prof. Dr. Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft).

„Gemeinsam gegen einsam“ – Bundesseniorenministerin Giffey eröffnet Fachkongress

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen mit unterschiedlichsten Ursachen. Vor allem ältere Menschen sind betroffen und brauchen Unterstützung. Bundesseniorenministerin Dr. Franziska Giffey eröffnete in Berlin den Fachkongress „Einsamkeit im Alter vorbeugen und aktive Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen".

In ihrer Rede unterstrich sie die wachsende Bedeutung des Phänomens: „Wir wollen uns um die Menschen kümmern, die einsam sind oder von Einsamkeit bedroht sind. Jede und jeder einzelne kann das im eigenen Lebensumfeld tun: in der Nachbarschaft und sogar in der eigenen Familie. Einsamkeit vorzubeugen, ist aber auch eine Aufgabe der Gesellschaft. Es ist nicht gut, wenn es dem Zufall überlassen bleibt, ob sich jemand kümmert. Wir brauchen gute Ideen und Angebote, die funktionieren und wirken“, sagte die Bundesseniorenministerin. 

Gemeinsam mit Franz Müntefering, dem Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), zeichnete Franziska Giffey zum ersten Mal die besten Initiativen gegen Einsamkeit im Alter aus – Motto des nationalen Wettbewerbs: „Einsam? Zweisam? Gemeinsam!“.

Bundesseniorenministerin Giffey: „Schicksalsschläge wie Tod, Erkrankung, aber auch Armut steigern das Risiko sozialer Isolation und Vereinsamung bei älteren Menschen. Weil Einsamkeit viele Gesichter und viele Gründe hat, gibt es nicht eine Lösung, sondern viele. Wie vielfältig das Engagement, die Ideen und die Lösungswege sind, beweist unser Wettbewerb. Dass wir dieses Engagement sichtbar machen und würdigen, zeigt: Wir kümmern uns um die Kümmerer. Sie sind Impulsgeber und Vorbild für andere. Ihr Engagement macht unsere Gesellschaft besser. Im Kleinen wie im Großen.“ 

Der BAGSO-Vorsitzende Franz Müntefering betonte: „Ich bin beeindruckt von der Vielfältigkeit des Engagements und der Ideen, sei es in der Stadt oder auf dem Land, im Wohnviertel oder mit mobilen Angeboten. Bei allem spürt man, mit wieviel Herzblut und Kompetenz sich die Projekte und Initiativen – insbesondere auch im ehrenamtlichen Bereich – für Ältere engagieren.“

Den Wettbewerb führte das Bundesseniorenministerium gemeinsam mit der BAGSO durch. Es gab insgesamt 601 Bewerbungen in fünf Kategorien. Eine sechsköpfige Jury aus Kommunen, Wissenschaft und Politik wählte die 15 Sieger in einer gemeinsamen Sitzung aus.

Die übrigen Teilnehmenden erhielten per Post eine Teilnahmebestätigung. Diese hätte man auch Online versenden können. Das Geld (1,45 € Porto x 584 Briefe), wäre besser einem weiteren Projekt zu Gute gekommen.


In Kooperation mit dem Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen untersuchen Öko-Institut und ISOE, ob und wie der vorhandene Wohnraum bedarfsgerecht genutzt werden kann. Eine Möglichkeit: Eigentümerinnen und Eigentümer ziehen in eine kleinere, altersgerechte Wohnung und verkaufen ihr Haus.

Tausche sanierungsbedürftiges Haus gegen altersgerechte Wohnung

Die Wohnbedürfnisse eines Menschen verändern sich im Laufe seines Lebens. Vom WG-Zimmer über die Single-Wohnung hin zur familientauglichen Wohnung oder zum Einfamilienhaus. Im Alter verändert sich der Bedarf noch einmal, etwa für Familien: Sind die Kinder ausgezogen, empfinden viele Menschen ihr Haus als zu groß und nicht altersgerecht; zudem ist es oft sanierungsbedürftig. Gleichzeitig suchen viele Menschen nach passendem Wohnraum. Ein Dilemma, für das Öko-Institut und ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt „LebensRäume“ Lösungen entwickeln.

Zu verkaufen! Aufgenommen in Holland © Ria Hinken

Eine Herausforderung für viele ländliche Kommmunen: Weil die Nachfrage nach Wohnraum steigt, werden oft neue Bauflächen ausgewiesen. Dabei wäre noch viel Platz im Bestand. Doch die vorhandenen Häuser sind oft aus den 1960er/1970er Jahren, nicht energieeffizient, sanierungsbedürftig und zudem schon bewohnt – häufig von älteren Eigentümerinnen und Eigentümern, die sich Gedanken darüber machen, wie sie ihr Haus als Paar oder Single nach dem Auszug der Kinder nutzen wollen.

In Kooperation mit dem Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen untersuchen Öko-Institut und ISOE, ob und wie der vorhandene Wohnraum bedarfsgerecht genutzt werden kann. Eine Möglichkeit: Eigentümerinnen und Eigentümer ziehen in eine kleinere, altersgerechte Wohnung und verkaufen ihr Haus. Oder aber: Sie vermieten nicht genutzte Teile des Hauses. Das ISOE hat in sechs Modellkommunen ältere Hausbesitzerinnen und -besitzer zu ihrer Wohnsituation und ihren Einstellungen gegenüber diesen Möglichkeiten befragt.

Hoher Leerstand in Modellkommunen: Potenzial an ungenutzem Wohnraum

In Emsdetten, Ibbenbüren, Lengerich, Mettingen, Saerbeck und Wettringen gibt es einen erheblichen Anteil an kleinen Haushalten, die großzügig mit Wohnfläche versorgt sind. „Legt man als Grenze eine Wohnfläche von 80 Quadratmeter für einen Ein-Personen-Haushalt bzw. 120 Quadratmeter für einen Zwei-Personen-Haushalt fest, so fallen 20 bis 25 Prozent der Haushalte in diese Gruppe“, sagt Immanuel Stieß vom ISOE. „Für uns ist aber vor allem der hohe Anteil unvermieteten Leerstands interessant.“ Knapp über die Hälfte der Befragten im Kreis Steinfurt im Alter ab 55 Jahren gab an, über ungenutzte Räume in ihrem Haus zu verfügen. Nicht selten sind das zwei oder mehr vom eigenen Wohnraum abgetrennte Räume oder eine ganze Einliegerwohnung.

Die Zahl solcher nicht vermieteter Wohnungen beläuft sich auf schätzungsweise 5.000 im gesamten Kreisgebiet. „Viele Eigentümerinnen und Eigentümer schließen eine Vermietung allerdings aus“, berichtet Stieß. Als Gründe werden die Belastung durch Planung und Finanzierung des Umbaus genannt, aber auch die Sorge, die gewohnte Eigenständigkeit zu verlieren oder möglicher Ärger mit Mieterinnen oder Mietern.

Großer Beratungsbedarf in Kommunen

Die Umfrage zeigte auch, dass Dreiviertel der Hauseigentümerinnen und -eigentümer sich grundsätzlich einen Umzug in eine altersgerechte Wohnung oder in ein kleineres Haus vorstellen können. „Aber nur 14 Prozent der Befragten haben vor, in den nächsten fünf Jahren etwas an ihrer Wohnsituation zu verändern“, sagt Projektleiterin Corinna Fischer vom Öko-Institut. „Der Weg von einer grundsätzlichen Bereitschaft zu einem konkreten Plan ist weit.“ Das Expertenteam erpropt deshalb mit dem Kreis Steinfurt und ausgewählten Kommunen in bis zu 300 Haushalten eine persönliche Beratung sowie Workshops zum Thema „Wohnen im Alter“.

„Wir wollen Hauseigentümerinnen und -eigentümer über verschiedene Möglichkeiten informieren und bei der Meinungsbildung unterstützen“, so Fischer. In einem nächsten Schritt werden Kreise und Kommunen praktische Unterstützungsangebote aufbauen. Von Beratung zur Finanzierung eines Umbaus oder zu Vermieterrechten bis hin zu innovativen Wohnkonzepten für ältere Menschen ist vieles denkbar. Die Diskussion in den Kommunen hat jedenfalls begonnen.

Das Projekt “LebensRäume“

Das Forschungsprojekt „LebensRäume – Instrumente zur bedürfnisorientierten Wohnraumnutzung in Kommunen“ wird innerhalb der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. An dem Projekt unter der Leitung des Öko-Institut sind das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, der Kreis Steinfurt mit dem Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit und dem energieland 2050 e.V. beteiligt sowie das ifeu Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg.
Weitere Informationen unter: https://kommunen-innovativ.de/lebensraeume

Öko-Institut e.V.
Das Öko-Institut ist eines der europaweit führenden, unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für eine nachhaltige Zukunft. Seit der Gründung im Jahr 1977 erarbeitet das Institut Grundlagen und Strategien, wie die Vision einer nachhaltigen Entwicklung global, national und lokal umgesetzt werden kann. Das Institut ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten.

ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main
Das ISOE gehört zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Seit 30 Jahren entwickelt das Institut wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsfähige Konzepte für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft – regional, national und international. Zu den Forschungsthemen gehören Wasser, Energie, Klimaschutz, Mobilität, Urbane Räume, Biodiversität und sozial-ökologische Systeme.


Gute Sozialpolitik wird von vielen Politikern auch als Mittel gegen das Erstarken der AfD und gegen eine Spaltung der Gesellschaft gesehen. Nun haben Sie aber in Ihren Studien herausgefunden, dass die Motive der AfD-Wähler überwiegend keine wirtschaftlichen sind.

Der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ begegnet uns nahezu täglich in den Medien.

Am 20. Februar steht nun der „Welttag der sozialen Gerechtigkeit“ an. Er soll auf Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft aufmerksam machen. Anlass genug, um bei Prof. Dr. Holger Lengfeld nachzufragen. Der Soziologe der Universität Leipzig sagt: „Menschen halten verschiedene Prinzipien für moralisch richtig, je nachdem, welche gesellschaftliche Stellung sie innehaben.“ Das zeige sich aktuell auch bei der Debatte um die Grundrente. Lengfeld meint zudem, mit dem Thema soziale Gerechtigkeit könnten die Parteien derzeit bei den Wählern nicht besonders punkten.

Herr Professor Lengfeld, was heißt „soziale Gerechtigkeit“?

Gerechtigkeit ist ein schillernder Begriff, der sehr verschieden gebraucht wird. Sehr oft geht es dabei um die Verteilung von knappen Gütern. Wer da Gerechtigkeit einfordert, erhebt den moralischen Anspruch, dass er das bekommt, was ihm zusteht. Interessant ist, dass die Menschen dabei verschiedene Prinzipien für moralisch richtig halten, je nachdem, welche gesellschaftliche Stellung sie innehaben. Das sieht man gerade in der Debatte um den SPD-Vorschlag für die neue „Grundrente“: Unternehmer lehnen sie ab, weil sie wollen, dass gerechte Renten strikt nach vorheriger Arbeitsleistung bestimmt werden. Die Gewerkschaften finden den Vorschlag dagegen gut, weil sie Kriterien der Gleichheit und der Bedarfssicherung für sozial gerecht halten.

Offenbar gibt es in Frankreich große Teile der Bevölkerung, die an der sozialen Gerechtigkeit zweifeln, die sogenannten „Gelbwesten-Proteste“ dauern an. Ist das der Anfang einer größeren sozialen Bewegung? Ist eine solche Bewegung auch in Deutschland denk- oder bereits erkennbar?

Ich bin kein Kenner der französischen Gesellschaft. Aber mein Eindruck ist, dass die Gelbwesten entstanden sind, weil sich ein Teil der Bevölkerung durch die Regierung ungerecht behandelt fühlte. Die Erhöhung der Benzinpreise scheint mir nur der Auslöser gewesen zu sein. Der eigentliche Konflikt dahinter war Präsident Macrons Arbeitsmarktreform, die schmerzliche Einschnitte für Arbeitnehmer bedeutet. In Deutschland haben wir eine komplett andere Situation. Unsere Arbeitsmarktreformen liegen 15 Jahre zurück. Die Einkommen wachsen derzeit weiter, die Arbeitslosigkeit ist gering. Was soll die Deutschen heute dazu bringen, sich in Massen gelbe Westen überzuziehen?

Aus der SPD ist zu hören, die Partei wolle wieder die Anwältin für soziale Gerechtigkeit sein. Können Parteien mit dem Thema bei den anstehenden Europa- und Landtagswahlen politisch punkten?

Ich sehe nicht, dass die Parteien mit sozialer Gerechtigkeit derzeit bei den Wählern besonders punkten könnten. Die SPD ist da in einer Sonderrolle. Sie versucht, ich möchte fast sagen, verzweifelt, den Abwärtstrend in der Wählergunst umzukehren. Dabei knüpft sie an ihr traditionelles Profil an, nämlich soziale Gerechtigkeit durch mehr Umverteilung zu erreichen. Ob das hilft, bundesweit bei Wahlen wieder über 30 Prozent zu kommen wie noch 2005, halte ich, angesichts der derzeit guten wirtschaftlichen Lage und einer recht lebendigen Partei links von der SPD, für unwahrscheinlich.

Gute Sozialpolitik wird von vielen Politikern auch als Mittel gegen das Erstarken der AfD und gegen eine Spaltung der Gesellschaft gesehen. Nun haben Sie aber in Ihren Studien herausgefunden, dass die Motive der AfD-Wähler überwiegend keine wirtschaftlichen sind. Kann man daraus schließen, dass soziale Gerechtigkeit nicht das entscheidende Thema für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist?

Der Glaube der Menschen, es gehe in der Gesellschaft gerecht zu, ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt, aber er allein reicht nicht aus. Unsere Studien zeigen, dass das Erstarken der AfD nur wenig mit konkreten Verteilungsfragen zu tun hat. Was deren Sympathisanten wurmt, ist die Richtung, in der sich die Gesellschaft derzeit kulturell entwickelt, etwa Offenheit für Zuwanderung, mehr europäische Integration, mehr Multikulturalismus, zunehmende Forderungen nach Verzicht auf umweltbelastendes Konsumverhalten für den Klimaschutz, Akzeptanz unterschiedlicher geschlechtlicher Identitäten. Das alles passiert faktisch, aber ein Teil der Bevölkerung will es nicht. Ich habe diese Menschen deshalb einmal, bar jeder Bewertung, als kulturelle Modernisierungsverlierer bezeichnet. Sie nutzen jetzt ihr Wahlrecht, um mit der AfD eine Partei zu unterstützen, die verspricht, diese faktische kulturelle Entwicklung umzukehren. Sozialpolitik scheint in diesem Konflikt fast bedeutungslos zu sein.

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2014 begann Michael Bohmeyer ein bis dahin undenkbares Gesellschafts-experiment: Per Crowdfunding sammelte er 12.000 Euro, die er gleich wieder verloste – ein Jahr lang 1.000 Euro im Monat, bedingungslos. Der Verein »Mein Grundeinkommen« entstand. Inzwischen haben über 250 Menschen das Grundeinkommen gewonnen und das Thema ist zur hoffnungsvollsten Idee unserer Zeit geworden, die Millionen Menschen inspiriert.
Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen berichten, wie sich das Leben der Gewinner verändert hat. Zum Beispiel Christoph, der seinen Job im Callcenter kündigte, eine Erzieher-Ausbildung begann und nebenbei eine chronische Krankheit besiegte. Das Grundeinkommen ist mehr als Geld. Es entfesselt notwendige Kräfte und Fähigkeiten, um den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ein Bericht aus einem der spannendsten Sozial-Labore der Welt. Und ein Neuentwurf für eine Gesellschaft und Arbeitswelt im radikalen Umbruch.

Mit diesem Buch wollen die Gründer auf völlig neue Weise zeigen, mit welcher Wucht ein Grundeinkommen uns alle beflügeln könnte.

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Statistisches Jahrbuch 2018 mit nationalen und internationalen Daten zu Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt erschienen

Foto Statistisches Jahrbuch 2018Wiesbaden (ots) - Im ersten Quartal 2017 waren in Deutschland 50 % der Personen ab 65 Jahren im Internet unterwegs. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) zur Vorstellung des Statistischen Jahrbuchs 2018 am 18. Oktober in Berlin weiter mitteilt, ist der Anteil der Internetnutzerinnen und -nutzer in der Generation 65 plus kontinuierlich gestiegen (2007: 19 %; 2012: 32 %). 91 % der Internetnutzerinnen und -nutzer im Rentenalter sendeten und empfingen E-Mails - ähnlich häufig wie jüngere Internetsurfer. Bei anderen Formen der digitalen Kommunikation hielten sie sich eher zurück: Nur 21 % waren in sozialen Netzwerken aktiv. Die Informationssuche nach Waren und Dienstleistungen (86 %) und die Nutzung von Dienstleistungen rund um die Reise (64 %) standen bei den älteren Internetnutzerinnen und -nutzern hingegen höher im Kurs.

Dr. Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes, stellte im Rahmen der Pressekonferenz mit dem Schwerpunktthema "Aktiv im Alter" fest: "Die Generation 65 plus spielt in unserer Gesellschaft eine immer bedeutendere Rolle. Das zeigen sowohl die demografischen Grunddaten als auch die Daten zu ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es gilt, das Alter als Chance zu sehen und die Fähigkeiten dieser Generation weiter zu nutzen und zu fördern."

Die Hälfte der Generation 65 plus surft im Internet

Zwischen 1990 und 2017 hat sich die Zahl der Menschen ab 65 Jahren bundesweit um rund 5,8 Millionen auf 17,7 Millionen erhöht. Aktuell ist damit jede fünfte Person hierzulande im Seniorenalter (21 %). Der Blick in die Zukunft zeigt, dass die Bevölkerung künftig noch wesentlich stärker als heute von älteren Menschen geprägt sein wird. Laut der aktualisierten Fassung der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wird der Anteil der Generation 65 plus im Jahr 2030 bei 26 % und im Jahr 2060 bei 31 % liegen.

Ältere Menschen sind immer häufiger erwerbstätig. Einige wollen und können noch ihre berufliche Lebenserfahrung einbringen, andere müssen aus wirtschaftlichen Gründen bis ins hohe Alter arbeiten. Der Anteil der 65- bis 69-Jährigen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt: 2007 waren es 7,1 % gewesen, 2017 schon 16,1 %.

Die Generation 60 plus stellte bei der Bundestagswahl 2017 mit 22,4 Millionen Personen bereits mehr als ein Drittel (36 %) der Wahlberechtigten und damit mehr als doppelt so viele wie die Generation der unter 30-Jährigen (9,2 Millionen beziehungsweise 15 %). Die Wahlbeteiligung der 60- bis 69-Jährigen lag bei 81 % und damit über dem Durchschnitt aller Altersgruppen von 76 %.

Die 67. Ausgabe des Statistischen Jahrbuchs enthält nationale und internationale Daten zu Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Alle Zahlen sind online verfügbar. Neben der kostenfreien Online-Version steht eine Print-Publikation zur Verfügung, die im Buchhandel erworben oder unter www.destatis.de/jahrbuch bestellt werden kann.

Bestellung der Buchausgabe

Umfang: 711 Seiten
Format: 21,5 x 26,0 cm
Artikelnummer: 1010110-18700-1
ISBN: 978-3-8246-1074-7
Preis: 71,00 Euro + Versandkosten

 

Alternsforscher der GRADE Center Aging und Grade Center Aging Laden zu einer öffentlichen Vortragsveranstaltung ein

Aufgenommen im MfK in Berlin bei der Ausstellung "Dialog mit der Zeit"
Aufgenommen im MfK in Berlin bei der Ausstellung "Dialog mit der Zeit"

FRANKFURT. Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Aber nicht nur die Zahl älterer Menschen und ihre Lebenserwartung wachsen, sondern erfreulicherweise auch die Zahl derer, die rund um dieses Phänomen forschen. Dies gilt auch für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Goethe-Universität, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Über ihre Projekte und Ideen gibt eine öffentliche Vortragsveranstaltung unter dem Titel „Nachwuchs in der Alternsforschung“ Aufschluss, die

am Montag, 4. Juni um 18:30 Uhr
in der Evangelischen Akademie Frankfurt
Römerberg 9

stattfindet. Dazu laden das Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA) und das neu gegründete GRADE Center Aging gemeinsam ein.

Wer zum Thema hohes Lebensalter forscht, muss sich mit den ständigen gesellschaftlichen Veränderungen befassen, denn nachrückende Generationen altern anders als ihre Eltern und sind vor neue Herausforderungen gestellt. Neue Fragen ergeben sich zum Beispiel im Bereich von Technik, Wohnen und Leben mit Demenz. An der Goethe-Universität wurde die Erforschung der Lebensphase Alter(n) längst als eine interdisziplinäre Aufgabe erkannt. Frauen und Männer am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere, sogenannte („Early Career Researcher“) aus dem Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA) und dem GRADE Center Aging der Goethe-Universität bringen ihr Wissen über das Altern nicht nur in die Wissenschaftsgemeinde, sondern auch in die Gesellschaft ein. Sie erforschen vielfältige Alterungsprozesse, auch jenseits von Krankheit, und stellen neue Fragen.

Am 4. Juni präsentieren die Nachwuchswissenschaftler Arbeiten, die sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung, mit neuen Formen von Teilhabe bei Demenz und mit der Vielfalt des Lebens in institutionellen Wohnformen befassen. Sie fragen zum Beispiel danach, welche Bildungspotenziale durch neue Technologien angeregt werden. Auch der Austausch mit sozialen und emotionalen Robotern ist Gegenstand von Forschung – ebenso werden veränderte Geschlechtsrollenverständnisse, kulturelle Teilhabe bei kognitiven Erkrankungen und die Erhaltung von Einwilligungsfähigkeit in medizinische Maßnahmen bei Menschen mit Demenz unter die wissenschaftliche Lupe genommen.

Wie wird Altern in der Zukunft aussehen?

So lautet die Leitfrage der Veranstaltung. In den Beiträgen „der Jungen“ über „die Alten“ sollen keine „trockenen Ergebnisse“ berichtet werden; vielmehr geht es um offene Fragen und Forschungsthesen – und eine lebhafte Diskussion. Prominenter Teilnehmer ist der frühere SPD-Chef, Minister und Vizekanzler Franz Müntefering, der derzeit Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) ist.

Anmeldung und Information: Friedrich Wolf (M. A.), Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA), Campus Westend, PEG-Gebäude, Raum 4. G166, Telefon +49 (0)69 798 36393, E-Mail: Fr.Wolf@em.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 mit privaten Mitteln überwiegend jüdischer Stifter gegründet, hat sie seitdem Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften. Zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Mainz ist sie Partner der länderübergreifenden strategischen Universitätsallianz Rhein-Main.

Männer machen weniger im Haushalt und als Belohnung sind sie gesünder, sagt eine Studie

Eine Forschungsgruppe des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS in Bremen hat den Zusammenhang von Hausarbeit, Schlafdauer und Gesundheit bei älteren Menschen in Europa und den USA untersucht. Das Ergebnis: Ältere Frauen verbringen im Schnitt fast fünf Stunden pro Tag mit Hausarbeit, während ältere Männer mit nur drei Stunden zurückhaltender sind. Das bleibt offenbar nicht ohne Folgen für die Gesundheit: Die Senioren fühlen sich deutlich gesünder als die Seniorinnen.

Fast 21.000 Frauen und mehr als 15.000 Männer älter als 65 Jahre gaben im Rahmen von internationalen Zeitverwendungsstudien Auskunft über ihre täglichen Aktivitäten. Die Studienteilnehmerinnen und –teilnehmer aus Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und den USA sollten dabei einschätzen, wieviel Zeit sie am Tag mit unterschiedlichsten Tätigkeiten verbringen – darunter Hausarbeiten wie Putzen, Kochen, Gartenarbeiten und handwerklichen Tätigkeiten.

Deutliche Unterschiede bei der Art der Hausarbeit

„Bei der Auswertung zeigte sich ein deutliches Bild. Während die Frauen im Schnitt etwa fünf Stunden mit Hausarbeit verbrachten, hielten sich die Männer zurück. Sie arbeiteten im Schnitt nur drei Stunden im Haushalt“, sagt Nicholas Adjei, Doktorand in der Abteilung Prävention und Evaluation am BIPS und Erstautor der Studie. „Bei der Art der Hausarbeit gibt es deutliche Unterschiede. Frauen beschäftigen sich im Schnitt fast 220 Minuten täglich mit Kochen, Einkaufen und Putzen – Männer dagegen nur knapp 90 Minuten. Bei Gartenarbeiten und handwerklichen Tätigkeiten zeigt sich ein umgekehrtes Bild. Hier sind Männer fast 70 Minuten täglich aktiv, Frauen dagegen nur knapp 40 Minuten.“ Darüber hinaus zeigen sich deutliche Länderunterschiede – vor allem bei den älteren Männern. Während etwa Senioren in Italien nur 2,7 Stunden pro Tag Hausarbeit leisten, sind es bei deutschen Männern 4,2 Stunden.

Doch wie wirkt sich Hausarbeit auf die Gesundheit aus? „Hier zeigte sich ein interessantes Bild. Insgesamt scheint Hausarbeit sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit einer besseren subjektiven Gesundheit einherzugehen“, sagt Nicholas Adjei. „Betrachten wir dies allerdings in Kombination mit der Schlafdauer, so zeigt sich für Frauen ein Optimum von ein bis drei Stunden Hausarbeit bei sieben bis acht Stunden Schlaf. Bei den Männern berichteten diejenigen die beste Gesundheit, die mit sechs Stunden oder mehr besonders aktiv im Haushalt waren – unabhängig von der Schlafdauer.“

Gleichmäßigere Verteilung aller Hausarbeiten auf Frau und Mann

Gründe für die unterschiedlichen Effekte lassen sich aus der Studie nicht sicher ableiten. „Möglicherweise spielt die Art der Aktivitäten eine große Rolle. Männer arbeiten viel im Garten, sind dabei körperlich sehr aktiv und unter freiem Himmel. Frauen dagegen sind zum Teil mit sehr repetitiven Tätigkeiten im Haus beschäftigt“, sagt Nicholas Adjei. „Eine gleichmäßigere Verteilung aller Hausarbeiten auf Frau und Mann könnte also durchaus sinnvoll und fair sein.“

Die Originalpublikation finden Sie hier:

https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12889-017-4979-z

Das BIPS – Gesundheitsforschung im Dienste des Menschen

Die Bevölkerung steht im Zentrum unserer Forschung. Als epidemiologisches Forschungsinstitut sehen wir unsere Aufgabe darin, Ursachen für Gesundheitsstörungen zu erkennen und neue Konzepte zur Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. Unsere Forschung liefert Grundlagen für gesellschaftliche Entscheidungen. Sie klärt die Bevölkerung über Gesundheitsrisiken auf und trägt zu einer gesunden Lebensumwelt bei.

Das BIPS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der 93 selbstständige Forschungseinrichtungen gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 18.700 Personen, darunter 9.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,8 Milliarden Euro.

8. Europäischen Filmfestival der Generationen

Im Rahmen des „8. Europäischen Filmfestival der Generationen“ zeigt der AK Kino im
Stadtteilverein K.I.O.S.K. Rieselfeld e.V. am Freitag, 13. Oktober um 20.15 Uhr den Film „Sputnik Moment – 30 gewonnene Jahre“. Im Anschluss an den Film stellen sich die Projekte „ÄwiR – Älter werden im Rieselfeld“, Sages eG, „Active Aging Agentur“ und „Wir, die Altersspezialisten“ vor. Danach folgt eine Diskussion mit dem Publikum.

Film Sputnik MomentWir leben heute länger, haben mit 50 noch rund 30 gesunde Jahre vor uns. Wie wollen wir umgehen mit dieser gewonnenen Zeit? Länger schlafen, die Welt bereisen, Rosen züchten? Und was, wenn alle diese Dinge getan sind? Die New Yorker Geriaterin Linda Fried nennt es einen ‚Sputnik Moment’ –  eine der größten Chancen und Herausforderungen in der Geschichte der Menschheit, jedenfalls keine Katastrophe! Im Dokumentarfilm „Sputnik Moment“ beziehen international renommierte Altersforscher & Experten hierzu Stellung und verweisen auf die Potenziale des neuen Alters. Anhand von Beispielen aus Deutschland und den USA wird illustriert, wie in vielfältiger Weise ältere Menschen versuchen, sich weiterhin in Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft zu engagieren. Ein starkes und wegweisendes Plädoyer für ein aktives und produktives Alter, das modellhaft für alle Generationen wirkt.

Im Anschluss an den Film stellen sich die Projekte „ÄwiR – Älter werden im Rieselfeld“ und „Active Aging Agentur“ vor. Danach folgt eine Diskussion mit dem Publikum. Ziel der Diskussion ist es die jeweiligen Filmbotschaften zu den Themen Alter, altern, demografischer Wandel und Dialog der Generationen zu vertiefen und auf die lokalen Angebote zum Thema hinzuweisen. Im Idealfall können aus den jeweiligen Gesprächen Initiativen und Projekte entstehen.

Das „Europäische Filmfestival der Generationen“ ist mittlerweile eine bekannte bundesweite
Veranstaltungsreihe. Bundesweiter Veranstalter ist das „Kompetenzzentrum Alter“ am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Festivalleiter ist der anerkannte Gerontologe Dr. Michael Doh. Die Verantwortung der regionalen Koordinierung liegt in den Händen des vom Verband Region Rhein-Neckar getragenen Netzwerks Regionalstrategie Demografischer Wandel.

www.festival-generationen.de

Freitag, 13. Oktober, 20.15 Uhr
im Saal des Stadtteilzentrums Glashaus Riesefeld (1. OG, Aufzug, barrierefrei)
Maria-von-Rudloff-Platz
(Haltestelle Linie 5 Rieselfeld)

Sputnik Moment – 30 gewonnene Jahre

SPUTNIK MOMENT — 30 gewonnene Jahre (Teaser) from Carpe Ciem Film & TV Produktion on Vimeo.

Im Rahmen des „8. Internationalen Filmfestivals der Generationen“
mit Vorstellung von Initiativen im Stadtteil und Publikumsgespräch

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Elke Ferner, hat in einem Grußwort auf der Veranstaltung „Langlebige – Gesundheit und Teilhabe einer Bevölkerungsgruppe mit Zukunft“ die Studien des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité - Universitätsmedizin in der Hochaltrigenforschung gewürdigt.

Hochaltrige sind eine in Forschung und Öffentlichkeit bislang nicht ausreichend beachtete Bevölkerungsgruppe. Dabei ist die Gruppe der über Hundertjährigen die am schnellsten wachsende Altersgruppe in Deutschland. Die aktuellen Studien der Charité widmen sich diesem neuen Phänomen und stellten ihre Ergebnisse zu Lebensperspektiven und zur Versorgungssituation hochaltriger Menschen vor.

Der Trend zum immer längeren Leben ist ungebrochen, ein Ende gegenwärtig nicht absehbar. Der 100. Geburtstag kommt immer häufiger vor und ist ein viel bewundertes Jubiläum. Die steigende Zahl Hundertjähriger macht auf beeindruckende Weise sichtbar, dass die Lebenserwartung weiter steigt. Erfreulich dabei ist, dass die meisten Menschen aufgrund der immer besseren Lebensbedingungen relativ gesund älter werden und der Pflegebedarf erst im hohen Alter deutlich ansteigt.

Die entscheidende Frage aus Sicht der Politik ist: „Wie gelingt es, älteren Menschen – auch bei Unterstützungsbedarf – ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben bis ins höchste Alter zu ermöglichen?“

Grundgedanke dabei ist, dass ältere Menschen weiter an der Gesellschaft teilhaben können. Teilhabe ist unverzichtbar für ein menschenwürdiges Leben. Förderung und Erhalt von Zugehörigkeit und Teilhabe stehen ganz oben auf der Agenda der Politik mit und für ältere Menschen.

Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Elke Ferner:

"Vor Ort muss Politik für ältere Menschen greifen; dort muss unsere Gesellschaft altersgerecht werden. Denn auch hochaltrige Menschen wollen so lange wie möglich selbstbestimmt leben. Sie wollen mitbestimmen und mitgestalten. Teilhabe und Zugehörigkeit sind unverzichtbar für ein menschen-würdiges Leben. Deshalb ist es unser Ziel, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass ältere Menschen in der Mitte der Gesellschaft bleiben können.“

Im Fokus der Veranstaltung standen sowohl die Lebensperspektiven von sehr alten Menschen als auch die ihrer Angehörigen. Sie gewährten den Teilnehmenden einen Einblick in generationsübergreifende Beziehungen und ihre Lebenssituation. Darüber hinaus lieferte eine Studie mit Krankenkassendaten Erkenntnisse zur Versorgungssituation hochaltriger Menschen im Alter von 80-89, 90-99, 100 Jahre und älter.

Die Ergebnisse zeigen, dass Hundertjährige heute an einer geringeren Anzahl von Krankheiten leiden als jüngere Kohorten hochaltriger Menschen. Im Quartal vor dem Tod wiesen Menschen, die als Hundertjährige verstarben im Durchschnitt 3,3 Erkrankungen auf. Im Vergleich dazu waren es 4,6 Erkrankungen bei Menschen, die als Achtzigjährige starben.