Gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen

4 Mai

Darum braucht eine moderne Gesellschaft beides – digital und analog

Hans und Ria Hinken in Freiburg. Blick auf das Smartphone für einen Filmbeitrag von Südbaden TV
Hans und Ria Hinken in Freiburg. Blick auf das Smartphone für einen Filmbeitrag von Südbaden TV

Die Geschichte beginnt an einem Montagmorgen. Der Bahnhof ist voll, die Anzeigetafel blinkt. Lotte, 76, stellt sich nicht an den Automaten. Sie hat gelernt, dass dort oft „Bitte App öffnen“ steht. Ihr Smartphone kann sie schlecht bedienen, und heute ist der Akku leer. Sie will ihre BahnCard verlängern und nach Bremen fahren. Am Schalter hebt jemand den Blick, lächelt, fragt nach dem Ausweis. Wenige Minuten später hält Lotte eine frisch verlängerte BahnCard und ein Papier-Ticket in der Hand. „Es ist beruhigend, dass es das noch gibt.

Ein paar Straßen weiter sitzt Mara, 28, am Küchentisch. Die Banking-App fordert ein Update, dann noch eins, dann auch noch eine Zweifaktor Autorisierung. Plötzlich passt das Passwort nicht mehr. Die Miete muss heute raus. Im Kopf spielt Mara das Worst-Case-Szenario: Rücklastschrift, Mahngebühr, Stress. Sie nimmt ihren Ausweis und geht zur Filiale. Ein Mitarbeiter zeigt ihr die Überweisungsträger. „Langsam, wir machen das zusammen.“ Zehn Minuten später ist das Geld unterwegs. „Gut, dass ich nicht komplett von der App abhängig bin“, denkt Mara.

Nachmittags kämpft Samuel, 45, mit der Ticketplattform eines Theaters. Konto anlegen, AGB abhaken, Kreditkarte hinterlegen, Ident-Prüfung – für zwei Karten am Samstag. Samuel arbeitet Schicht, ihm fehlt die Zeit. Er ruft an. Die Stimme an der Kasse ist freundlich: „Wir reservieren und legen die Karten zurück. Abholung mit EC oder bar.“ Er atmet erleichtert auf. Tickets kaufen sollte keine Hürde sein.

Abends zieht ein Gewitter auf. Erst flackert das Licht, dann wird es still. Der Strom fällt aus, das Mobilfunknetz ist überlastet. Genau jetzt zeigt sich, warum eine Gesellschaft doppelte Wege braucht. Am Bahnhof drucken Notstromgeräte noch Tickets. In der Bankfiliale arbeitet ein kleines Team mit Papierformularen und einem Generator. Im Theater öffnet die Abendkasse, eine Liste auf Klemmbrett, Barzahlung möglich. Die Stadt wird langsamer, aber sie bleibt handlungsfähig. Resilienz ist kein Schlagwort – sie ist das leise Weitermachen, wenn Systeme wackeln.

Am nächsten Tag trifft Samuel seine Nachbarin Amina im Hausflur. Sie ist erst seit kurzem in der Stadt, spricht gutes Deutsch, hat aber weder deutsche eID noch Kreditkarte. „Ich wollte einen Handyvertrag abschließen“, sagt sie, „die Website wollte ein Post-Ident-Verfahren starten. Und außerdem sollte ich ein Onlinebankkonto oder eine Kreditkarten-Nummer eingeben, “ Samuel erzählt ihr von der Möglichkeit, das in einem der Shops in der Stadt zu machen. Amina lächelt: „Gut zu wissen.“

Für Menschen, die neu sind, für Ältere, für alle ohne teures Smartphone oder stabilem Internet, sind analoge Wege nicht Nostalgie, sondern Eintrittskarten ins öffentliche Leben.

Warum braucht eine moderne Gesellschaft beides – digital und analog?

  • Inklusion: Nicht jeder kann, will oder darf digital. Seh- oder Motorikeinschränkungen, Sprachbarrieren, geringe Digitalkompetenz, prekäre Lebenslagen – analoge Optionen halten die Tür offen für gesellschaftliche Teilhabe.
  • Resilienz: Stromausfall, Netzstörung, Cyberangriff, leere Akkus – analoge Prozesse sind das Sicherheitsnetz, das trägt.
  • Wahlfreiheit und Selbstbestimmung: Bürger:innen dürfen entscheiden, wie sie zahlen, buchen, sich ausweisen wollen – ohne Zwang zur Datenspur.
  • Rechts- und Verbraucherschutz: Am Schalter lassen sich Identitäten sauber prüfen, Missverständnisse klären, Belege sofort aushändigen. Fehler werden bemerkt, bevor sie teuer werden.
  • Soziale Qualität: Ein Gespräch am Schalter ist mehr als Transaktion. Es ist Erklärung, Korrektur, manchmal Trost. Das stärkt Vertrauen in Institutionen.
  • Kultur und Teilhabe: Tickets an der Abendkasse, BahnCard am Schalter, Bankgeschäfte per Formular oder Telefon – so bleibt Mitmachen möglich, spontan und barrierearm.

Konkret heißt das:

  • Bahn: BahnCard und Tickets am Schalter, per Post und telefonisch; Automaten, die ohne App funktionieren; Bar- und EC-Zahlung.
  • Bank: Filialen mit Grundservice; Überweisungsträger; Telefonbanking; TAN-Generator statt Handyzwang.
  • Kultur: Theater- und Konzertkassen mit Reservierung per Telefon; Abendkasse mit Barzahlung; Gutscheine, die man ausgedruckt oder per Post erhält.

Die Pointe ist einfach: Digitaler Komfort ist großartig – solange er nicht zur Eintrittsbedingung wird. Wenn eine Gesellschaft Mobilität, Geld und Kultur nur noch durch Apps zugänglich macht, verliert sie Menschen unterwegs: jene ohne teures Gerät und ohne stabiles Netz. Und sie macht sich selbst verwundbar, weil sie auf eine einzige Option setzt. Ausgerechnet der SWR lässt seine Hörer:innen nur per WhatsApp für die Hitparaden abstimmen. Damit werden alle Menschen, die nicht den Meta-Messenger nutzen, ausgeschlossen. Ein falsches Signal für einen Öffentlich-Rechtlichen-Sender, der über unsere Gebühren finanziert wird.

Lotte fährt am Ende des Tages nach Bremen. Mara zahlt ihre Miete. Samuel sitzt im Theater, Amina beantragt am Schalter ihre BahnCard. All das ist möglich, weil es neben der schnellen App auch das analoge Angebot gibt. Moderne heißt nicht „nur digital“. Moderne heißt: robust, fair und offen – damit alle mitkommen.