Springe zum Inhalt

Digitale Teilhabe älterer Offliner braucht mehr als Tabletkurse

Bis zu acht Millionen der über 70-Jährigen in Deutschland waren noch nie im Internet. Damit sie nicht „digital abgehängt“ werden, sollen ihnen nötige Kompetenzen vor allem durch Tablet- und Smartphone-Kurse vermittelt werden.

Bis zu acht Millionen der über 70-Jährigen in Deutschland waren noch nie im Internet.

Das Foto zeigt verschiedene Apps, die man auf dme Smartphone oder Tablet nutzen kann

Damit sie nicht „digital abgehängt“ werden, sollen ihnen nötige Kompetenzen vor allem durch Tablet- und Smartphone-Kurse vermittelt werden. Das reicht nicht, sagt Informatikprofessor Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement (ifib) an der Universität Bremen. Er zieht in einer Studie das Fazit, dass es mehr als Kurse braucht, um die digitale Teilhabe von Seniorinnen und Senioren zu erreichen.

Es ist sicherlich lobenswert, dass Prof. Kubicek dazu auffordert, älteren Menschen mehr als nur Smartphone- und Tabletkurse anzubieten. Allerdings muss man dabei beachten, dass es kein ausreichendes Angebot an qualifizierten - vor allem seriösen - Wissensvermittler*innen gibt, die in der Lage sind, Hausbesuche zu machen. Die wenigen, die es gibt, sind der sprichwörtliche "Tropfen auf den heißen Stein".

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung droht den „digitalen Offlinern“ im Seniorenalter eine Reduzierung ihrer sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Teilhabe. „Das bringt das Risiko einer digitalen Spaltung der Bevölkerung mit sich – auf Kosten der Seniorinnen und Senioren“, so Informatikprofessor Herbert Kubicek. „Unsere aktuelle Studie hat ergeben, dass die momentan favorisierten Tablet- und Smartphoneschulungen nicht ausreichen werden, um die digitale Teilhabe der Älteren tatsächlich zu erreichen.“

Kubicek hatte bereits vor zwei Jahren mit Barbara Lippa in einem Projekt der Stiftung Digitale Chancen und Telefonica Deutschland rund 300 ältere Menschen interviewt. Sie hatten über über Seniorentreffs und ähnliche Einrichtungen acht Wochen einen Tablet-PC ausgeliehen und über ein wöchentliches Betreuungsangebot probiert, was es Nützliches für sie im Internet gibt. Die meisten fanden etwas: Sie intensivierten per E-Mail oder WhatsApp den Kontakt mit Kindern und Enkeln, frischten mit Suchmaschinen ihr Wissen auf oder suchten Orte aus ihrer Kindheit auf, schauten sich Filme an oder spielten auf dem Tablet.

Digitalassistenz kommt nach Hause

Doch ein Teil der älteren Offliner ist nicht in der Lage, solche Begegnungsstätten aufzusuchen. In einem Bremer Projekt im Rahmen der Initiative „Herbsthelfer – Bremer Verbund für Seniorendienste“ des Senators für Finanzen wurde daher ergänzend eine aufsuchende Digitalassistenz angeboten. Ältere Menschen, die bereits Hilfe in der Haushaltsführung über eines der Bremer Dienstleistungszentren in Anspruch nehmen, konnten für drei Monate ein Tablet ausleihen und mit Unterstützung durch Digitalassistenten zu Hause probieren, was sie damit Nützliches machen können.

Anschließend wurden 13 Teilnehmende interviewt. Bis auf eine Ausnahme wollten alle das Tablet weiter nutzen. „Aber alle zwölf Männer und Frauen zwischen 71 und 87 Jahren, die überwiegend alleine leben, haben gesagt, dass sie weiter Unterstützung benötigen. Denn sie geraten immer wieder in Situationen, in denen sie sich alleine nicht helfen können“, so Herbert Kubicek. Er schätzt, dass dies auf rund zwei Millionen älterer Offliner zutrifft, und fordert für sie eine dauerhafte aufsuchende Digitalassistenz im Rahmen der Altenhilfe.

Sozialhilfe und Pflegekassen in der Pflicht

Private Dienstleister bieten solche Hausbesuche für 30 Euro pro Stunde an. Im Rahmen der organisierten Nachbarschaftshilfe in Bremen werden nur 8,50 Euro die Stunde berechnet. Neun von zwölf Älteren können und wollen das bezahlen. Die anderen drei könnten sich dies von ihrem Einkommen aus Grundsicherung nicht leisten und über das Pflegegeld auch nicht abrechnen. Kubicek sieht unter anderem Sozialhilfe und Pflegekassen in der Pflicht: „Es kann doch nicht sein, dass man als Empfänger von Pflegeleistungen Kosten erstattet bekommt, wenn man zu einem Amt oder einem Arzt begleitet wird – aber nicht, wenn jemand nach Hause kommt und Formulare mit den Betroffenen online ausfüllt oder sie in eine Videosprechstunde einwählt, obwohl dies weniger Zeit erfordert und daher wirtschaftlicher ist.“

Der Bremer Informatikprofessor hat die Ergebnisse seiner Studie und die Schlussfolgerungen Anfang September 2019 vor der Kommission für den Achten Altersbericht der Bundesregierung präsentiert und ist dort auf großes Interesse gestoßen.

In Freiburg gibt es sogar kostenlose Angebote.