„Worte schaffen Wirklichkeit“: Warum Sprache unser Bild vom Alter prägt

22 Juli

„Silver Tsunami“, „graue Flut“, „Totholz“

Das Bild zeigt Frau Prof. Ulla Kriebernegg. Sie trägt eine Brille und lächelt freundlich.

kaum eine Bevölkerungsgruppe wird mit so drastischen Bildern beschrieben wie alte Menschen. „Ein Begriff wie ,Silver Tsunami‘ beschreibt ältere Menschen als Naturkatastrophe. Solche Sprachbilder sind nicht harmlos, sondern prägen unsere Vorstellungen, unsere Politik, unsere Ressourcenverteilung und letztlich das Generationenverhältnis“, sagt Prof. Dr. Ulla Kriebernegg. Sprache ist für die Literatur– und Kulturwissenschaftlerin weit mehr als ein Mittel zur Beschreibung der Wirklichkeit. Sie beeinflusst, wie wir über das Alter denken – und damit auch, wie Politik, Medien und Gesellschaft Hochbetagten begegnen. Gerade in gesellschaftlichen Debatten werden vielleicht auch deshalb Rentner häufig entweder als Belastung oder ausschließlich als besonders verletzliche Bevölkerungsgruppe dargestellt. Beides greift zu kurz.
Ihre Forschung und die Frage, wie Sprache unseren Blick auf das Alter prägt, stellt Kriebernegg auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vom 23. bis 26. September 2026 in Frankfurt am Main vor.

Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht aus

Gesundheitliche Risiken durch Hitze oder Extremwetter seien real und müssten ernst genommen werden, betont die Grazer Wissenschaftlerin. Gleichzeitig warnt sie davor, ältere Menschen auf ihre Verletzlichkeit zu reduzieren. „Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht aus“, sagt Kriebernegg. Statt ältere Menschen ausschließlich als Schutzbedürftige wahrzunehmen, müsse stärker gesehen werden, welchen Beitrag sie selbst für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können. Hochbetagte seien nicht nur von gesellschaftlichen Entwicklungen betroffen, sondern gestalteten sie aktiv mit – durch Erfahrung, Engagement und Verantwortung.

Literatur eröffnet neue Perspektiven

Um festgefahrene Altersbilder aufzubrechen, richtet Kriebernegg den Blick auf die Literatur. Romane und Erzählungen zeichnen häufig differenziertere Bilder des Alterns als politische oder mediale Debatten. Während Margaret Atwoods Erzählung Torching the Dusties überspitzt darstellt, wie ältere Menschen zu Sündenböcken gesellschaftlicher Krisen werden, erzählt Leonora Carringtons Roman The Hearing Trumpet von alten Frauen, die mit Lebenserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität Zukunft aktiv mitgestalten. „Literatur zeigt uns, dass ältere Menschen weder Täter noch bloße Opfer des Klimawandels sein müssen. Sie eröffnet einen Raum, in dem wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie alle Generationen Zukunft gestalten.“

Sprache verändert den Blick auf das Alter


In ihrer Keynote analysiert Kriebernegg zunächst die Sprachbilder, die Politik, Medien und Gesundheitswesen über das Alter verwenden. Anschließend stellt sie ihnen literarische Perspektiven gegenüber und zeigt, dass über das Alter differenzierter erzählt werden kann, ohne ältere Menschen als Bedrohung oder ausschließlich als hilfsbedürftig darzustellen. Ihre zentrale Botschaft: Sprache und Geschichten beschreiben Wirklichkeit nicht nur – sie gestalten sie. Wer bewusster über das Alter spricht, trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und ältere Menschen als das wahrzunehmen, was sie sind: Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Kompetenzen und Perspektiven.